Wie fühlt sich eine Depression an?

Egal ob Außenstehender oder Betroffener: Die Fragen „Was“ und „Wie“ werden niemals beantwortet werden können. Obwohl viele Betroffene die Dinge ähnlich beschreiben, fühlt es sich nie ganz gleich an. Ich schreibe diesen Artikel mehr für mich selbst. Denn ich bin mir ebenfalls noch nicht klar darüber, was die Depression „für mich“ ist, bzw. wie man sie beschreiben kann.

Der Nebel

Ja, es gibt ihn wirklich. Man kann es ungefähr damit vergleichen, wenn man morgens zu früh aufwacht. Die Augen sind noch nicht ganz offen, man erkennt Umrisse und orientiert sich grob an ihnen. Nichts ist klar und trotzdem musst du nun in diesem Nebel „funktionieren“. Aber das ist schwer. Selbst wenn du durch den Nebel erkennst, dass nun etwas passiert wo dein klares(!) Handeln erforderlich ist, wirst du es vermutlich nicht hinkriegen. In etwa damit vergleichbar, dass du beim Versuch die Zähne in diesem Zustand zu putzen die Zahnpasta neben die Zahnbürste fallen lässt. Beim Versuch die Zahnpasta im Becken auf die Zahnbürste zu bekommen machst du leider alles nur noch schlimmer.

Die Steine

Anders als beim Nebel, bin ich bei „den Steinen“ klar. Ich weiß was zu tun ist und warum und habe eventuell Vorbereitungen getroffen. Dennoch kommt das Vorhaben nicht zum Abschluss. Die Steine sind überall befestigt: An Händen und Füßen, sie liegen auf den Schultern und auf dem Schoß. Wenn du liegst, auch auf der Brust. Die Steine verhindern sehenden Auges das Erreichen deines Zieles.

Abwandlung der Steine: Das Wasser

Ist ungefähr dasselbe Prinzip, aber „im Wasser“ kann ich mich bewegen. Es ist schleppend, ich komme näher Stück für Stück, doch im Ergebnis reicht es nicht. Das Atmen fällt schwerer beim Bewältigen einer Aufgabe im Wasser. Ich muss oft Luft holen. Das Hin- und Hertauchen kostet Kraft und Zeit.

Die Neutralität

„Ändere nicht, was nicht zu ändern ist“, beschreibt „meine“ Neutralität. Anders als Faulheit, für die ich eine bewusste Entscheidung treffen kann, geht es in meiner Neutralität nicht. Der „Reflex“ zur Tat ist nicht da und stehe somit vor keiner Entscheidung. Außenstehende interpretieren es, als sei es mir schlicht egal. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Die Ignoranz

Was beim Versteckspiel klappt, muss auch überall sonst klappen. Ich sehe keine Probleme, keinen Ärger und keine Konsequenzen. Deswegen sind sie nicht da. Es ist ein irrationales und auch sehr gefährliches Verhalten, zu welchem ich gezwungen werde. Das reicht vom Ignorieren der Post, bis hin zur Vernachlässigung von Freundschaften. Der Teufelskreis ist: Je länger ich mich z.B. bei Freunden nicht gemeldet habe, umso mehr versuche ich es auch zu vermeiden. Die falsche Annahme ist dabei, dass mir die betreffenden Freunde nichts bedeuten. Dies ist nicht der Fall. Vielmehr versuche ich diesem ersten, „neuen“ Kontakt zu entgehen, in dem es zu Erklärungen/Rechtfertigungen kommt. Ja, ich habe Scheiße gebaut. Nein, es war keine bewusste Entscheidung und es war noch weniger mein Wille.

Das Vergessen

Ich schiebe das Vergessen meiner Krankheit zu. Denn ich vergesse Namen, Daten und auch Informationen über Personen. Mehr noch, ich fange sogar an „Verhalten“ zu vergessen. Eine Schwangerschaft z.B. ist ein schönes Ereignis. Wenn sie verkündet wird, freut man sich für die Mutter und man beglückwünscht sie. So etwas kann ich vergessen und stehe teilnahmslos daneben. Kurioserweise freue ich mich innerlich.
Oder: Informationen die mir erzählt wurden und meinem gegenüber sehr wichtig waren, neigen bei mir dazu in einen unerreichbaren Bereich meines Gedächtnisses eingelagert zu werden. Ob es ein Muster gibt, habe ich noch nicht herausgefunden. Instinktiv antworte ich auf jedes „Das hatte ich dir doch erzählt, oder?“ mit „Ja, stimmt, du hast Recht“. Ich habe jedoch vermutlich keinen Schimmer.

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